Im „Lockdown“: Unterwegs mit einem Sterbenden


„In Deutschland wurden fast eine Million Operationen abgesagt“ ,titelte DIE WELT am 29.5. . Darunter seien 52000 geplante Krebs-Operationen, die wegen des Lockdowns verschoben werden mussten..
Der „Kollateral-Schaden“ durch die unverhältnismäßige staatliche Corona-Präventions-Politik war und ist riesig. Und er hat auch zahlreiche Tote gekostet, Denn zum Beispiel der Krebs hat nicht gewartet.

In seinem Song „Zusammen“ zum Lockdown rief Heinz-Rudolf-Kunze zu „Mitgefühl“ und „Lassen wir keinen zurück !“ auf. Wie das Mitgefühl mit denen, die es unbedingt gebraucht hätten, in dieser Zeit tatsächlich aussah, habe ich in erschütternder und hilfloser Weise selbst miterleben müssen : Während des „Lockdowns“ begleitete ich einen sterbenskranken Betreuten durch seine letzten Lebens-Wochen. Soviel an fehlender Unterstützung und unmenschlichem Umgang habe ich selten erlebt….

Ein Mensch stürzt ab und rappelt sich wieder hoch…

Ein nicht verkrafteter Schicksalsschlag, vielleicht noch ein Zweiter: Ein Mensch stürzt ab…..und wenn es gut läuft, holt er sich irgendwann Hilfe, weil er  wieder in ein ,normales‘ Leben finden will. So ein „Fall“ war der Mann, der mich fragte, ob ich seinen gesetzlichen Betreuer machen würde. Gerne doch ! Kooperative  Menschen, das sind Betreuungen, die mir Freude machen. Allerdings: Bis das Amtsgericht eine Betreuung anordnet, das dauert mir in solchen Fällen viel zu lang ! Denn hier fehlte es bereits an allem: Null Vermögen, keine Sozialleistungen, ruhende Krankenversicherung….ein Überleben von der Gnade anderer. Wir stellen also den Betreuungsantrag für ihn . Und ich zeige mich sofort beim Jobcenter der Stadt als sein Bevollmächtigter an und beantrage Hartz 4 für ihn. Ebenso zeige ich die Vertretung bei seiner Krankenkasse, der AOK, an. Es ist Ende Februar. Der Mann arbeitet super mit mir zusammen, Anfang März faxe ich bereits alle erforderlichen Antrags-Formulare   plus die Belege ans Jobcenter. Er erzählt mir , wo er sich in seinem Beruf bewerben will. Ein echt sympathischer Mensch, das wird wieder ! Sogar mit seinem persönlichen Termin im Jobcenter klappts  am Tag  vor der Einstellung des Publikumsverkehrs dort

Das Jobcenter sabotiert………..

Und dann beginnen die  Probleme mit dem Jobcenter. Denn plötzlich verlangt die Sachbearbeiterin noch eine Bestätigung einer dritten Person  zu ihm, sonst…  Leider typisch rechtswidriges Jobcenter: Denn laut Gesetz müsste es sich um   die Einholung der Bestätigungen Dritter  selbst kümmern. Aber bis  das Jobcenter das auf  die Reihe bekommt….!? Also  wird die Bestätigung schnell besorgt und von mir gefaxt. Und ich  stelle Antrag  auf Vorschuss gem.  § 42 SGB I oder auf vorläufige Bewilligung von Leistungen , denn: Zumindest dem Grunde nach ist klar, dass ihm Sozialleistungen zustehen. Ende März, Immer noch keine Bewilligung !
Ein Telefonat mit der Sachbearbeiterin ergibt: Sie habe die Bestätigung nicht erhalten – obwohl ich das  wie immer bei Behörden mit Fax-Sendebestätigung gemacht habe ! Ok, ich maile es der Sachbearbeiterin schnell rüber.  Sie ist sehr freundlich und  sichert mir zu, sie werde sogar ausnahmsweise Geld, das ich meinem zukünftigen Betreuten  geliehen habe, direkt an mich überweisen..

Bei unserem nächsten Treffen geht es meinem zukünftigen Betreuten plötzlich offenkundig schlecht. Was ist los ? Er erzählt  mir von einer grossen Entzündung,und dass er am Wochenende in der Notaufnahme eines Regensburger  Krankenhauses war. Er habe 5 Stunden angesessen,  dann hieß es:  ,kommen Sie  am Montag wieder ! Umstellung wegen Corona!“ Dann sei er am Montag also wieder in der Notaufnahme gewesen, nach einigen Stunden Warten habe er nicht mehr gekonnt und sei gegangen…Drei Tage später kollabiert er und wird ins Krankenhaus  gebracht.

Die Diagnose: Ein bösartiger Tumor im Endstadium. Nach der gescheiterten Operation soll er nur noch eine Palliativ-Bestrahlung gegen seine Schmerzen bekommen.

Was denn mit seiner Krankenversicherung los sei,  meldet sich nun der Sozialdienst der Klinik bei mir !? Das wüsste ich auch gern ! Wie ich rausbekommen habe ,  ist er – gemäß § 188 SGB V – bei der AOK als seiner letzten Versicherung automatisch freiwillig anschluss-versichert. Mangels Beitragszahlungen ruhen  allerdings seine Leistungsansprüche gegen die AOK . Das  heisst aber  gleichwohl – so sagt dann § 16 SGB V –   dass er „bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen“     behandelt werden muss .

Also kein wirkliches Problem:
Denn wenn etwas ein Notfall ist,  dann  wohl ein Sterbenskranker, oder !?

Und abgesehen davon: Sobald er  Hartz 4 bekommt, wird von Gesetz wegen automatisch sein  Leistungsanspruch gegen die Krankenkasse aktiviert.

Ich informiere seine Sachbearbeiterin im  Jobcenter von seiner tödlichen Erkrankung in der irrigen Annahme, seine verzweifelte Situation würde die Bearbeitung seines  Antrags beschleunigen. Das  Gegenteil ist der Fall ! Jetzt fallen der Sachbearbeiterin  neue Fragen  ein,  ohne deren Beantwortung sie keine Bewilligung machen werde, wie sie mir schreibt: Ich soll schriftlich bringen, wann er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Und den Betreuerbeschluss von Amtsgericht,  der müsse auch her. Und sie wolle  ein ärztliches Attest, ob er länger als ein halbes Jahr erwerbsunfähig sein sind !!!??? Ich glaube, ich spinne -denn nichts davon hat irgendetwas damit zu tun,  ob ihm Sozialleistungen zustehen!

Der Arzt verweigert die Behandlung

Aber hilft nichts, ich maile , was ich besorgen kann, sofort an die Sachbearbeiterin…

Eben habe  ich den Betreuungsbeschluss im Schnellverfahren vom Amtsgericht erhalten, da wird mein Betreuter  aus der Klinik entlassen .Er soll sofort zu einem Hausarzt,  wegen  der Verschreibung von Schmerzmitteln und dergleichen.

Eine Sozialdienstmitarbeiterin der Klinik hat noch für den Entlassungstag einen Notfall- Termin mit einem Facharzt vereinbart. Sie ist  der einzige Mensch, den ich in diesen Wochen als voll engagiert erlebe, herzlichen Dank ! Wir gehen also zum Arzt. Der Arzthelfer fragt mich  nach seiner  aktueller AOK-Gesundheitskarte. Ich erkläre den Stand der Dinge, er  ruft netterweise daraufhin beim Jobcenter an .Dann zieht er mich zur Seite: Er habe mit  der  Stellvertreterin der Sachbearbeiterin telefoniert: Ob der Antrag bewilligt werde,  das sei weiter völlig offen und werde erst irgendwann nächste Woche entschieden ! Woraufhin der Arzt mir ausrichten lässt: Nein, das Risiko,  einen Unversicherten  zu behandeln, das gehe er nicht ein !!! Und Tschüß !

Klinik ist unterbelegt – trotzdem keine Palliativbestrahlung

Ganz schlimm: Denn  erst  in 1 ½ Wochen soll  es mit seiner Palliativ-Bestrahlung in der Klinik weitergehen . Und mein Betreuter  sagt mir, dass die ihm  vom Krankenhaus für die ersten Tage mitgegebenen  Medikamente nicht stark genug sind, er habe durchgehend Schmerzen. Warum also die lange Pause bis zur Bestrahlung , obwohl die Klinik sogar unterbelegt ist ? Ich kann es nicht herausfinden . Corona ? Coronoia ?

Zornig  komme ich nach Hause , es ist Gründonnerstag Abends. Ich faxe in aller Eile einen Antrag auf einstweilige Anordnung vorläufiger Sozialleistungen an das Sozialgericht…

Wieder dasselbe Problem: Die Abrechnungsstelle ruft bei der AOK an , dann  zieht sie mich zur Seite: Die AOK sage, er sei nicht versichert !  –Ich frage die Mitarbeiterin,  das sei doch nicht der erste Fall  von jemand in dieser Lage ! Sie müsste  doch über das Notfall-Recht hier Bescheid wissen. Doch, das  sei das ihr erster Fall ,   antwortet sie. Die Konsequenz: Er bekommt vom Krankenhausarzt zwar ein Rezept für Schmerzmittel, und den Krankentaxi-Schein  für  die Fahrten zur Palliativ-Bestrahlung – aber mit dem  Vermerk „Selbstzahler“. Die Rechnungen dafür  könne er dann nachträglich mit der AOK  abrechnen, sagt mir die Abrechnungsstelle  !  Was heisst: Hätte er nicht einen zahlenden Unterstützerkreis , er könnte auf gut Deutsch an seinen Schmerzen verrecken, sowie auf allen Vieren ins Krankenhaus zur Bestrahlung kriechen…Und überhaupt regt es mich inzwischen auf, dass es allen zu peinlich ist, direkt meinem sterbenden Betreuten ins Gesicht zu sagen, dass sie ihm nicht helfen wollen…

Unterdessen faxt das  Sozialgericht dem Jobcenter meinen Eilantrag zu, mit der Aufforderung,  pronto !  Stellung zu nehmen, auch hier Dankeschön ! Das  Jobcenter erlässt noch am selben Tag    – gut 1 ½ Monate  nach Antragstellung -den überfälligen Bewilligungsbescheid. Er wird mir bezeichnender Weise vom  Sozialgericht zugefaxt, nicht vom Jobcenter…

Allerdings kommt das zu spät für meinen Betreuten: Drei Tage später ist er gestorben. Kurz nach seinem Tod erhalte ich seine AOK-Gesundheitskarte..