Leserbrief : Demenzkrank und zwangsisoliert im Krankenhaus…

„Meine Eltern waren immer Familienmenschen. Sie haben jung geheiratet, und gemeinsam vier Kinder großgezogen. Um uns durchzubringen, musste mein Vater zusätzlich zu seinem Hauptberuf noch als Musiker jobben. Meine Mutter wirtschaftete äußerst sparsam, damit es für alle reichte. Auch im Ruhestand waren meine Eltern unzertrennlich. Die Familienmitglieder waren und sind die wichtigsten Kontakte. Durch Parkinson Demenz ist mein Vater kaum noch vor die Tür gekommen, seine Bewegungsfähigkeit ist geringer geworden.

Ein Sturz hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Direkt von der Radiologischen Praxis weg, jedoch ohne ein Familienmitglied. Denn außer den Patienten und dem Personal darf niemand Kliniken betreten, nicht einmal um einen dementen Patienten zu begleiten. Ausnahmen sind nur bei Geburten und bei Sterbenden vorgesehen.

Meine Mutter war vollkommen schockiert, so als müsste sie ihren Mann im Stich lassen. Schuldgefühle nagen immer noch an ihrer Seele, sie verlor den Appetit und ein Stück Lebenswillen. Meine Schwägerin versuchte, die Station zu erreichen, um Ärzte und Pfleger über die Besonderheiten und Vorerkrankungen zu informieren. Eine frustrierende Erfahrung, denn das Personal ist so überlastet, dass es nicht oft ans Telefon gehen kann. Und anderen Angehörigen ergeht es ähnlich angesichts der Besuchsverbote. Auch sie sind auf telefonische Kontakte angewiesen. Das belastet das Personal zusätzlich.

Da liegt er nun seit vor Weihnachten. Und ausgerechnet jetzt darf ihn niemand besuchen. Mein Vater spricht kaum noch, geschweige denn, dass er selbst telefonieren würde. Er ist abgeschnitten von allen Vertrauten. Wie er sich fühlen mag, kann sich jemand, der handlungs- und kommunikationsfähig ist, kaum vorstellen. Und auch wir Angehörigen haben ein schwarzes Loch in der Vorstellung, wie es ihm wohl geht. Meine Mutter fragt sich schon, ob er sie wiedererkennen wird, wenn er heimkommt. Sie freut sich trotzdem darauf….

Vater aus dem Krankenhaus entlassen…..

Nun ist mein Vater wieder daheim. In einem Krankenhaushemd, mit einer Wolldecke bedeckt, hat man ihn von der Klinik durch die Kälte in den Krankentransporter gebracht und nach Hause gefahren. Man hat es nicht für nötig gehalten, ihn ordentlich anzuziehen. Da muss man schon recht gesund sein, um das gut zu überstehen. Aber die Hauptsache war, dass er einen negativen Corona-Test hatte, bevor er entlassen wurde… Wie befürchtet, ist er geistig noch mehr weggedriftet, hat keinen Appetit. Die Familie ist fest entschlossen, ihn wieder aufzupäppeln. Der mobile Pflegedienst gibt sein Bestes. Auch hier wird der Pflegedienst richten müssen, was im Krankenhaus versäumt wurde….

Ein Bekannter, ehemaliger Krankenpfleger, sagt dazu: „1967 habe ich in der Krankenpflege angefangen. Damals war das System schon krank. Auch damals wurde Pflegepersonal im Ausland angeworben, in Vietnam und Korea. Heute hat sich immer noch nichts geändert. Es ist eher schlimmer geworden. Heute müssen die Krankenhauskonzerne auch noch an ihre Aktionäre Dividenden zahlen und verlangen vom Staat zu diesem Zweck Hilfen.“

Da wundert einen nicht, dass Patienten nicht unbedingt gesünder aus dem Krankenhaus herauskommen. Zum Weiterlesen über ein krankgespartes Gesundheitssystem ein Artikel der NachDenkSeiten – Tod auf Rezept. Mitten in der Coronakrise und politisch gewollt machen reihenweise Krankenhäuser dicht.