Die heile Corona-Familienwelt in der Mittelbayerischen. Trug-Bilder

ein Gastbeitrag einer Familien-„Expertin“

Sprechen Bilder die Wahrheit? Ich meine: Bilder manipulieren besonders überzeugend , weil sie Tatsachen vorgaukeln.

So ist in der Mittelbayrischen Zeitung vom 19. Februar unter der Überschrift „Wie man aus der Situation das Beste macht: Der tägliche Stresstest für die Familien“ ein nettes Bild zu sehen:

Ein Elternpaar und zwei halbwüchsige Söhne gemeinsam beim Kickerspiel.

Ja, es mag sein, dass auch für Familien mit viel Wohnraum der Alltag gerade stressig ist. Auch für eine Familie, die im geräumigen Zuhause offenbar genug Platz hat, einen Kickertisch aufzustellen. Ich gehe davon aus, dass kein Kind dafür sein Kinderzimmer opfern musste, und auch die Eltern nicht auf ihr Büro verzichten müssen.

Der ganze Artikel suggeriert: ‚Schau hin, so schlecht geht es den Leuten gar nicht: Die haben wieder Zeit füreinander, sogar zum Spielen mit den großen Jungs. Weihnachten war weniger stressig und besinnlich dank Corona.‘

Die Realität vieler ist anders: Platznot und Isolation

Im Gespräch mit den Müttern jeweils zweier Schulkinder höre ich heraus, dass der Alltag der Familien zumeist anders verläuft:

Viele wohnen in engen Wohnungen. Eine Mutter erzählte: „Ich komme gar nicht mehr raus. Früher bin ich wenigstens mit dem Rad noch unterwegs zur Arbeit gewesen. Jetzt komme ich kaum noch aus der Wohnung heraus. Nach dem Frühstück räume ich den Tisch ab. Dann baue ich auf dem Esstisch meine Arbeitsmaterialien auf, arbeite durch bis zum Mittagessen, räume wieder meine Sachen ab und nach dem Essen mit den Kindern wieder her. Mein Leben verläuft eintönig. Ich funktioniere nur noch. Zum Glück lernen meine Kinder selbstständig und gerne. Und zum Glück ist das Wetter gerade so, dass alle ein wenig ausgeglichener vom Spielplatz wieder zu Hause eintreffen.“

Die andere Mutter berichtet: „Wenn ich in die Arbeit fahre, muss das große Geschwister auf das Grundschulkind mit aufpassen. Die beiden müssen miteinander können – mehr oder weniger. Wenn ich heimkomme, muss ich mich neben dem Haushalt noch darum kümmern, ob beide mit dem Homeschooling klargekommen sind. Ich weiß nicht, wie lange ich noch genug Kraft habe.“

Ja, ‚anderen‘ gehts schlecht – aber auch für ‚die anderen‘ ist ja gesorgt. Irgendwie

Von weiteren Konflikten wie Gewalt in der Familie, von der Angst vor dem Jobverlust, von Einkommenseinbußen durch Kurzarbeitergeld haben die beiden nichts erzählt. Ich wünsche ihnen von Herzen, dass sie davon verschont bleiben.

Davon würde man auch nicht mit jedem nicht wirklich Nahestehenden etwas plaudern. Mit diesen existentiellen Problemen schlagen sich die meisten still, verschämt und verzweifelt herum. Zumindest das Gesicht und der Schein sollen nach außen gewahrt werden. Doch auch davon sind viele betroffen. Wie sehr sich dann die familiäre Stimmungslage verschärft, kann sich jeder selbst ausmalen.

Die schöne, gemütliche Welt der Mittelbayerischen, sie ist eine Welt der Mittelschicht, von Mitgliedern der Mittelschicht beschrieben, oder ?

Sie kennt die Realität der Menschen nicht, die fern von Eigenheimen und akademischen Lebensläufen mit einem immer härteren Alltag, mit Existenzangst und sozialem Abstieg zurecht kommen müssen. Und das schlimmste ist:

Die MZ hat auch gar nicht die Absicht, Partei zu ergreifen und für ihre Rechte einzutreten. Wer nicht klarkommt, kann sich ja an die Caritas oder ähnliche Beratungsangebote wenden. Die kommt bei der MZ passender Weise auf der gleichen Seite zu Wort: Es bestünde „ein breites Beratungs- und Hilfsangebot“, schreibt die Mittelbayerische.

So bleibt die Sichtweise der Mittelschichten-Welt heil, weil: Auch für ‚die anderen‘ ist ja irgendwie ‚gesorgt‘.

Kirchliche und private Wohltätigkeit soll die Probleme richten, die eine verfehlte Politik verursacht. Und an der Du nichts wirklich auszusetzen hast. Besten Dank, liebe Mittelbayerische. In diesem Stil kennen wir dich – leider.