2G in Hamburg: Wollt Ihr die totalitäre Apartheid?

von Tom J. Wellbrock

Jetzt also 2G. In Hamburg. Und sicher wird die Hansestadt nicht die einzige bleiben, die ganz offen auf Apartheid setzt. Solange es funktioniert, wird es keine Besinnung geben. Die Politik ist im Rausch der Macht.

Es ist mehr als ein Jahr her, da dachte ich, dass es nicht funktionieren würde, in Cafés, Restaurants oder Clubs nur eine bestimmte Personengruppe hereinzulassen. Mein Denkfehler war der: Ich vermutete, dass es die Notwendigkeit des Umsatzes ist, die Betreibern von Lokalitäten eine Separierung von Gästen verbieten würde.

Doch heute stellt sich das Bild anders dar. Wirtschaftliche Rettung (wenn überhaupt) kann es nur noch geben, wenn die Läden, Bars und Clubs voll sind. Auf der Seite des NDR ist nachzulesen:

Es tut den meisten furchtbar leid, dass sie Ungeimpfte jetzt aussperren müssen. Doch die Kassen sind leer, durch das 2G-Modell erhoffen sich die Bar- und Clubbesitzenden Überlebenschancen.

So wird ein Schuh draus, und auf diese Art bleibt den Geschäftstreibenden nicht viel anderes übrig als bei diesem Wahnsinn mitzumachen. Der Hunger auf die „alte Normalität“ ist bei Geimpften wie bei Ungeimpften groß, wenngleich es Tendenzen gibt, sich aus Protest komplett aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Doch das Gros will wieder „leben“, essen gehen, tanzen, Menschen treffen – unmaskiert und ohne Abstand.

Für die Gewerbetreibenden bleiben nur zwei Möglichkeiten: Friss oder stirb.

Hamburgs Bild einer „differenzierten“

Betrachtungsweise

Womöglich fragen sich einige Leser: „Apartheid? Geht’s nicht ein bisschen kleiner?“ Die Antwort kann nur lauten: Nein, im Gegenteil. Denn was in Hamburg passiert, ist genau das: Apartheid, das niederländische Wort für „Trennung“. Wer will denn ernsthaft leugnen, dass hier eine bewusste Trennung und Diskriminierung von Menschen vorgenommen wird, die sich nicht impfen lassen wollen?

Eine Gegenrede wird endgültig hinfällig, wenn man folgendes Zitat liest:

Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre können zunächst unabhängig von ihrem Impfstatus an 2G-Angeboten teilnehmen. Diese Ausnahme gilt aber nur sechs Wochen lang, anschließend dann nur noch für alle Kinder unter zwölf Jahren. Keine Ausnahmen gibt es dagegen für erwachsene Menschen, die sich wegen einer Vorerkrankung oder etwa einer Schwangerschaft nicht impfen lassen.

Damit wird deutlich, dass es kein Entrinnen gibt. Nach sechs Wochen müssen Kinder draußen bleiben (Hunde nicht, soweit mir bekannt ist). Damit gilt für die Hamburger Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren: Ohne Impfung keine Freizeit, keinen Spaß, kein Zutritt.

Diese die Kinder verachtende Pflicht zum Impfen ist aber noch immer nicht der Gipfel der Unbarmherzigkeit. Menschen, die sich nicht impfen lassen können, weil sie vorerkrankt sind, werden ebenso aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wie Frauen, die ein Kind bekommen.

Selbst mit der großzügigsten Auslegung dieser Regelung (die faktisch ein Zeichen für die aktive Unterstützung dieser Form der Apartheid ist) lässt es sich nicht rechtfertigen, dass Vorerkrankungen und Schwangerschaften Gründe für den gesellschaftlichen Ausschluss sind. Mag der großzügigste Befürworter von 2G noch argumentieren, Ungeimpfte hätten ja die Option, sich impfen zu lassen und so wieder zur Teilnahme berechtigt zu sein, läuft dieses ohnehin schon schwache Argument bei Vorerkrankten und Schwangeren ins Leere.

Totalitäre Apartheid

Es ist offenkundig, womit wir es hier zu tun haben: mit einem System der totalitären Apartheid. Auf der einen Seite findet eine Trennung von bestimmten Gruppen von Menschen statt. Auf der anderen Seite wird der extremistische Versuch unternommen, „einen neuen Menschen“ zu formen. Das ist Totalitarismus.

Typisch sind somit die dauerhafte Mobilisierung in Massenorganisationen und die Ausgrenzung bis hin zur Tötung derer, die sich den totalen Herrschaftsansprüchen tatsächlich oder möglicherweise widersetzen. Als politisches Gegenmodell zum Totalitarismus gilt der demokratisch-freiheitliche, materielle Rechtsstaat mit der durch Grundrechte, Gewaltenteilung und Verfassung gewährleisteten Freiheit der Staatsbürger. Meistens werden sowohl Nationalsozialismus als auch Stalinismus als Prototypen totalitärer Regime eingeordnet.

Der Wikipedia-Eintrag müsste jetzt dringend erweitert und dem letzten hier zitierten Satz „Demokratie“ hinzugefügt werden. Wer die Wikipedia kennt, weiß, dass das nicht passieren wird, und allein deshalb trifft es umso mehr zu.

Keine Gegenwehr?

Hamburg konnte die Apartheid einführen, ohne nennenswerte Gegenwehr zu erfahren. Der NDR hat einige Interviews mit Bürgern gemacht (die selbstverständlich im Sinne der Redaktion ausgewählt und gesendet wurden). Der Tenor der Befragten war nahezu identisch:

Ja das ist eine Befreiung.

Das Problem an dieser Befragung: Gefragt wurde nicht nach den Konsequenzen von 2G für Besuche zahlreicher Lokalitäten. Es ging darum, dass im Einzelhandel die Erfassung von Adressen wegfällt. Kunden und Einzelhändler zeigten sich erfreut, die Erleichterung schwingt in den Interviews spürbar mit. Es scheint, als wäre die leichtere Möglichkeit, sich wieder mit Konsumartikeln zu versorgen, wichtige als die Tatsache, dass Hamburg das gesellschaftliche Leben komplett neu aufstellt.

Gegenwehr gibt es keine, die erwähnenswert wäre. Die Medien berichten zwar über 2G, Fragen über die Umformung des gesellschaftlichen Zusammenlebens werden aber kaum gestellt. Berichtet wird zahm, fast gelangweilt. Gibt man bei Google die Suchbegriffe „Hamburg“, „2G“ und „Rathaus“ ein, gibt es keine Ergebnisse. Aber kann das wirklich noch überraschen? Die Politik ist faktisch gleichgeschaltet (hat es selbst getan), so etwas wie Kritik oder gar Empörung vernimmt man nicht.

Es wird sich zeigen, wie es weitergeht. Wenn der Hamburger 2G-Weg folgenlos bleibt (und danach sieht es zurzeit aus), wenn sich in anderen Städten oder Bundesländern ähnliche Entwicklungen abzeichnen (auch danach sieht es aus), werden wir einen weiteren Schritt hin zum Abgrund gemacht haben.

Das Erschreckende an dieser Vorstellung ist die Tatsache: Man muss befürchten, dass dieser Schritt in Richtung des (demokratischen) Abgrunds unbeteiligt und passiv begleitet von der Bevölkerung stattfinden wird.

Befinden wir uns erst kollektiv im freien Fall, wird das plötzliche Begreifen auch nicht mehr helfen.

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Nachtrag: Als der Artikel verfasst wurde, waren mir die Pläne Baden-Württembergs, einen Lockdown für Ungeimpfte einzuführen, noch nicht bekannt.

Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus dem Online-Magazin Neulandrebellen übernommen. Hier der link zum Original: 2G in Hamburg: Wollt Ihr die totalitäre Apartheid?

Anm.: Gastbeiträge geben erst einmal nur die Meinung des Gastautors wieder.