Angstmache als Herrschafts-Methode: „Angst ist undemokratisch“

von Roberto J. De Lapuente

Angst ist kein guter Ratgeber, sagt ein Sprichwort. Dieser Spruch ist allerdings viel zu passiv: Denn Angst raubt das Selbstbewusstsein, lähmt und macht handlungsunfähig. Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern in ganz besonderer Weise für Gesellschaften.

Na, schon Angst vor der Delta-Variante? Oder besser gleich vor Lambda? Man weiß heute gar nicht mehr, welche Angst man priorisieren sollte. Es geht ja so schnell. Noch als der Inzidenzwert sank, erklärten uns schon die üblichen Expertenverdächtigen, dass man besser schon mal auf eine neue Angst vorbereitet sei. Denn es komme nochmal knüppeldick. Lockdown nicht ausgeschlossen. Wer jetzt vernünftig bleibe und sich an diversen Lockerungen nicht beteilige, so sagten sie, der mache es genau richtig. Denn man weiß doch: So voller Angst zu sein, das lebt man am besten alleine zuhause aus. Vereinsamung tut jeder verängstigten Psyche besonders gut.

Seitdem diese Pandemie unser Leben abgewürgt hat, wurde massiv mit der Angst gearbeitet. Die Bundesregierung legte sogar wert darauf, die Angst zu einem Alleinstellungsmerkmal der von ihr bestellten Experten zu machen. Sie sollten verängstigen, damit die Leute die Gefahr ernstnehmen. Denn Angst sei ein guter Ratgeber. Das deutsche Sprichwort, das das Gegenteil behauptet, war sicherlich nur so eine Verschwörungstheorie aus dem Volksmund. Und wir kennen alle jemanden, der besonders viel Angst hat, oder nicht? Plötzlich laufen Leute, die wir früher noch als autonome Wesen einschätzten, auch frühmorgens doppelt maskiert durch verlassene Straßen. Oder kapseln sich völlig ab. Bei Twitter bettelte eine Lehrerin: »Nehmt uns die Schnelltests für die Schüler nicht weg. Wir brauchen ein bisschen Sicherheit.« Überall nur noch Angst.

Angstmache ist demokratiefeindlich

Seit anderthalb Jahren leben wir nun so. Am Anfang war es die Angst, selbst zu erkranken oder dass sich ein Familienmitglied mit dem Virus infiziert. Aber wenn wir ehrlich sind, dann war diese klassische und konkrete Angst vor Krankheit bald einer eher abstrakten gewichen. Wir ängstigten uns vor Messwerten, Zahlen und Prognosen. Vor dem, was immer die gleichen Expertendarsteller in immer den gleichen Expertendarstellerrunden von sich gaben. Die Angst zu erkranken trat in den Hintergrund, plötzlich fürchtete man sich vor Menschen, vor den Anderen, vor Kontakten, vor Gesichtern ohne Maske.

Die Angstformen nahmen Versatzstücke an, die man als Gefahr interpretierte – und zwar nur als Gefahr und nicht mehr als Chance oder Lebensinhalt. Im Zuge dieser Angstverschiebung fing man auch an, die Debattenkultur als Gefährder zu deklarieren und vor Diskussionen Angst zu bekommen. Über Vorgehen und Geschehnisse zu reden, eigentlich die Grundessenz eines demokratischen Diskurses, wurde nun zu etwas, was man nur noch behutsam durfe – wenn überhaupt. Denn man wollte niemanden unnötig Angst machen. Schweigen war plötzlich demokratisches Gold. Wer das ignorierte, wurde schnell zum gefährlichen Zeitgenossen ernannt, zur unerwünschten Person. Es gibt einige Schauspieler und Kreative im Land, die könnte man diesbezüglich mal fragen, die hätten was zu erzählen.

Die Demokratiefeindlichkeit war von Beginn der Pandemie an im Krisenmanagement angelegt. Das Worst-Case-Szenario war stets die Grundlage aller Entscheidungen. Wer das runterkochte und deeskalierte, galt sofort als gefährlich, als jemand, der den Ernst der Lage nicht verstehe und die berechtigte Angst unterwandere. Daher gab es auch niemals ein Expertengremium, das sich austauschte. Das Angstkalkül ließ

so eine Runde gar nicht zu. Da wären Meinungen und Ansichten aufeinandergeprallt. Und das öffentlichkeitswirksam. Das hätte Verwirrung gestiftet. Innerhalb des Angstkomplexes ist Verwirrung jedoch gar nicht erwünscht. Denn sie könnte verunsichern und die Angst besänftigen. Das macht den Angstmachern widerum Angst.

Langfristiger Minderwertigkeitskomplex

Wir scheinen uns gesellschaftlich auf die Angst verständigt zu haben. Ohne sie, so glaubt man wohl, ist ein pandemisches Krisenmanagement nicht denkbar. Standards von einst, Selbstbewusstsein oder Diskussionsbereitschaft, wurden als entbehrlich deklariert. Sie hemmen die Angst – und Angst ist genau das, was wir nun brauchen. Die Angst widerspricht demokratischen Standards. Die suggerieren nämlich, dass Menschen ihr Schicksal in die Hand nehmen können, sagen können was sie wollen oder nicht wollen. So eine Haltung ist eine Zumutung für alle, die der Angst den höchsten Stellenwert des Augenblicks einräumen.

Wir debattieren daher nicht mehr, nehmen nur noch hin, nehmen zur Kenntnis. Wie gelähmt diese Gesellschaft doch ist! Falls doch mal Unverständnis auftritt, forciert man die Angstmache – und schon ist die Debattenlaune verflogen. Gegen den eingeschlagenen Kurs aufzumucken, unterlässt man lieber aus ängstlichen Gründen. Denn was, wenn es wirklich einen Grund zu grenzenlos Angst gibt? Dann ist es besser, es hinzunehmen, die Angst wirken zu lassen. Es sind exakt solche Prozesse, die gemeint sind, wenn man sprichwörtlich darauf zurückkommt, dass man gelähmt sei vor Angst. Die Angststarre ist nicht nur ein Problem von Einzelnen, wir sehen nun, dass ganze Gesellschaften sich ihr hingeben können.

Blinder als blind ist der Ängstliche, hat Max Frisch mal gesagt. Wir sind so blind geworden für demokratische Standards, weil sie nicht mehr in unseren Angstmodus passen. Angst ist ein Demokratiezersetzer, sie mehrt den kollektiven Minderwertigkeitskomplex und vermittelt den Menschen, sie seien nicht mehr in der Lage, richtig zu entscheiden. Die Angst ist die Ressource von Diktaturen – in Demokratien verursacht sie stets lediglich Momente, für die sich aufgeklärte Gesellschaften hernach schämen müssen. Je länger der Zustand andauert, je länger sie uns in Angst ausharren lassen, desto mehr geht uns die Fähigkeit verloren, jemals wieder demokratische Grundeigenschaften anzueignen. Diese Angst ist langfristig angelegt. Sie ist eine erfreuliche Nebenwirkung aus Sicht der Angstmacher.

Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus dem Online-Magazin Neulandrebellen übernommen. Hier der link zum Original.

Plakat Querdenker-Fest Dultplatz 14.11.2020

Anm. Otmar Spirk: Beiträge anderer Autoren geben grundsätzlich erst mal nur deren Meinung wieder.