In Regensburg beim Jahn-Spiel: Maßregelung nach Blockwart-Manier…

Ein Gastbeitrag von Jahn-Fan

Hallo, ich bin „Max Mustermann“. Stehe mitten im Leben und bin quasi von Geburt an Jahnfan. Seit dem neuen Stadion auch stolzer Dauerkartenbesitzer auf der Hans-Jakob Tribüne. Der Stehtribüne der Heimfans im Süden.

Nachdem wir Regensburger Fußballfans bereits in der Corona Saison 2020/21 nur zweimal ins Stadion durften (zuletzt am 03.10.2020 gegen den Karlsruher SC – 3. Spieltag – 3.042 Zuschauer – ausverkauft) freute ich mich umso mehr auf das erste Heimspiel in der aktuellen Corona Saison 2021/22. Endlich wieder Stadionatmosphäre!

Auf dieses „neue“ Stadion-Erlebnis kann ich gut verzichten…

Ganz ehrlich, auf dieses „neue“ Stadionerlebnis kann ich gut verzichten! Warum? Ich möchte folgend meine Sicht der Dinge schildern:

Gestaffelter Kartenverkauf gegen Sandhausen:

Als Dauerkartenbesitzer der letzten Saison kommt man in den Genuss, als erstes sich ein Ticket online oder im Fanshop bestellen zu können. (https://www.tvaktuell.com/ssv-jahn-start-von-kartenverkauf-fuer-heimspiel-gegen-sandhausen-424721/)

Also habe ich frühmorgens am ersten Verkaufstag das auch getan. Ich war ganz erstaunt, als ich sah, dass die Hans-Jakob Stehtribüne für 13€ verfügbar war. Zwar mit Platzzuweisung, aber immerhin Stadion! Somit fiel die Entscheidung nicht schwer.

Als „unglücklich gelöst“ empfand ich, dass man nur ein Ticket kaufen konnte. Wer geht denn bitte allein ins Stadion? Wie soll man das jetzt lösen, dass mein Spezl, mit dem ich seit Jahren die Spiele daheim wie auswärts gemeinsam verfolge, auch tatsächlich den Platz neben mir kaufen kann? Also mit Handy am Ohr und jeder vor seinem Computer parallel gebucht. Hat funktioniert…

Ultras verzichten auf Stadionbesuch als Gruppe: Man mag von den Ultras halten was man möchte. Ich finde sie gehören zum Stadionerlebnis mit dazu und ohne sie wird es schnell sehr still im weiten Rund. In einer Pressemitteilung (https://www.ultras-regensburg.de/neuigkeiten/20/7/2021/aktuelle-situation-saisonstart/) erklären sie, dass sie das Stadion unter den aktuellen Auflagen nicht als Gruppe besuchen werden. Zitat: „… sind personalisierte Tickets, 1/3-volle Ränge, 3G-Regel und viele weitere Einschnitte nicht im Sinne unserer Vorstellung von Stadion- und Fankultur.“ Ich kann das Nachvollziehen… naja… es ist halt so.

Ausschließlich bargeldlose Zahlung im Stadion :Am Mittwoch vor dem Spiel lese ich verdutzt in der der MZ (https://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/kein-bargeld-mehr-im-jahnstadion-21179-art2025286.html).

War vor einigen Tagen nicht erst das Fangespräch? Warum hat da niemand etwas davon erzählt? Ich finde die bargeldlose Zahlung praktisch beim Tanken oder größeren Geldbeträgen, keine Frage. Aber muss man wirklich für ein Bier und eine Knackersemmel mit der Karte zahlen und dann vielleicht auch noch die PIN eingeben, weil die Anzahl der maximal PIN-freien Transaktionen abgelaufen ist? Ich hoffe einfach, dass die Kartenterminals im Stadion schneller arbeiten als bei meinem Bäcker. Dort dauert eine Transaktion gefühlt ewig und wenn das WLAN/Internet streikt, was immer mal wieder vorkommt, kann man als Kartenzahler nichts kaufen…

Stadionbesuch nur mit 3G: Das der Stadionbesuch nur mit 3G möglich ist, ist … naja… es ist halt so. Muss man durch wenn man die Atmosphäre genießen will. Mit meinem Spezl habe ich noch gescherzt: Wie ist das jetzt eigentlich? Der Test darf maximal 24 Stunden alt sein. Und wenn die 24 Stunden vorbei sind, aber das Spiel noch läuft? Kommt dann eine Durchsage im Stadion: „73. Spielminute, das Maskenland 24.de präsentiert die folgende wichtige Durchsage! Max Mustermanns Corona Test ist seit 15 Minuten abgelaufen! Max Mustermann wird dringend gebeten sich neben dem Grillstand aktuell auf Corona testen zu lassen!“ Und wenn man nicht artig folgt, kommen die Ordner und werfen einen aus dem Block? So haben wir gescherzt, aber logistisch ist das schon aufwändig, wenn man auf dem flachen Land wohnt, Freitag nachmittags beschäftigt ist und dann extra wegen eines Corona Tests noch mit dem Auto herumfahren muss….

Vorschriften für den Stadionbesuch: Früher hat man sich ein Ticket gekauft, ist ins Stadion gegangen und fertig. Beim „neuen“ Stadionerlebnis muss man sich ausführlich vorher belesen, um alles richtig zu machen. Ein Verhaltenskodex mit zehn Punkten ist aufgelistet. Klingt komisch, aber naja… es ist halt so. Muss man durch wen man die Atmosphäre genießen will. https://www.ssv-jahn.de/alle-neuigkeiten/news-im-detail/heimspielinfos45/no_cache=1&cHash=981fcf2a4960970976a85088d184aa

Sitzen auf der Stehplatz-Tribüne: In den 90ern gab es mal die Aktion der Fußball Fans „Sitzen ist für ́n Arsch!“ gegen reine Sitzplatz Stadien. Ich möchte beim Spiel auch lieber stehen. Egal ob daheim oder auswärts, der Stehblock gefällt mir einfach besser und ist günstiger. Umso erstaunter war ich dann, als ich in dieser Mail mit „Belehrungen“ und „Verhaltenskodex“ vom SSV Jahn lesen musste, dass mein Stehplatz gar kein Stehplatz ist.

Zitat: „Zudem wurden aufgrund der derzeit gültigen gesetzlichen Vorgaben sämtliche Stehplätze im Jahnstadion Regensburg (Hans Jakob Tribüne (S1 – S3) und Block N1) in Sitzplätze umgewandelt. Ticketinhaber für die genannten Stadionblöcke müssen daher auf den Tribünenstufen Platz nehmen. Für den Selbstkostenpreis von 2 EUR können im Tribünenumlauf Sitzkissen erworben werden.“

Sitzen für die Gesundheit ? Klingt komisch, aber naja… es ist halt so. Muss man durch, wenn man die Atmosphäre genießen will…

Endlich Samstag! Endlich Spieltag! Endlich Stadionatmosphäre! Anreise zum Stadion: Wie schon erwähnt wohne ich am Land und fahre mit dem Auto zum Stadion. Was mich wundert: Bei den Supermärkten soll man jeden zweiten Parkplatz benutzen, der Gesundheit wegen. Der Parkplatz Einweiser auf P2 reagiert äußerst gereizt, wenn man einen Parkplatz zwischen den Fahrzeugen frei lässt. Scheinbar verhält sich das Virus auf dem Stadionparkplatz anders als auf dem Supermarktparkplatz.

Mein Spezl kommt mit dem Shuttlebus. Der war gut gefüllt. Er erzählt, dass neben ihm im Bus jemand ständig Niesen musste. Und wenn der jetzt Corona hatte? Unser Corona Test war von Freitagabend. Was, wenn er sich jetzt im stickigen Shuttlebus infiziert hatte?Vor dem Stadion: Vor dem Stadion sehe ich schon einige große Plakate, die sonst nicht hier hängen. Mantra artig bekommt man nochmal Teile des Verhaltenskodex und die allgegenwärtig Maskenpflicht an jeder Ecke aufgezeigt.

Zum Thema Maskenpflicht: Subjektiv tragen 25% der Besucher eine Maske unter freiem Himmel, was meiner Meinung nach 25% zu viel sind, aber das ist ein anderes Thema. Wäre das an diesem Samstag eine regierungskritische Veranstaltung gewesen und nicht ein 2. Bundesliga Fußballspiel, dann hätte die Polizei das wilde Treiben sicherlich nach kurzer Zeit unterbunden und die Versammlung aufgelöst. Es gibt „gute“ und „schlechte“ Versammlungen, wo die Polizei mal hart eingreift und ein andermal alle Augen zu drückt. Apropos Polizei: Ich habe keinen einzigen Polizisten während meines Stadionbesuchs gesehen. Waren wohl alle in Berlin bei einer „schlechten“ Versammlung, die Maskenpflicht durchsetzen.

Einlass ins Stadion: Die Einlassschlangen sind lang. OK, bedingt durch den Verhaltenskodex an den sich einige halten. Aber der Check IN für ein Fußballspiel (!!!) erinnert mich mehr an einen langwierigen Behördengang gepaart mit der Einreise ohne Visum in ein Entwicklungsland. Was man da alles bereithalten muss: gültiger Lichtbildausweis, Nachweis hinsichtlich des Nichtvorliegens einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2/Impfpass/Genesenenimpfnachweis/Genesennachweis und schließlich, das was in der guten alten Zeit ausschließlich interessierte, die Eintrittskarte. Das alles griffbereit und ich bin noch von der alten Schule, in Papierform. Meine Papiere stellen sich als Vorteil heraus, denn zwei junge Männer hinter mir verzweifelten, da die Corona App auf dem Handy von einem der jungen Männer nicht startet und er damit nicht an seine „Daten der Freiheit“ herankommt. Schade für den Jahnfan, das Spiel wird er wohl nicht live sehen können.

Die Leibesvisitation der „harten“ Fans der Südtribüne fällt am Einlass sehr sparsam aus. Geschmuggelter Alkohol, Waffen, Pyrotechnik, illegale Banner und Zaunfahnen, all das scheint niemanden mehr zu interessieren. Die Ordner und Security sind mit Papieren, Formularen und Bürokratie beschäftigt.

Im Stadion: Endlich angekommen! Wenn ich es richtig nachgezählt habe, stehe ich endlich nach über 519 Tagen, wieder auf der Südtribüne im Jahnstation, um ein Fußballspiel live anzusehen!

Maßregelung nach Blockwart-Manier: Hinsetzen !

Ich stehe allerdings nicht lange, denn nach gefühlt wenigen Sekunden ist ein Ordner da und maßregelt uns nach bester Blockwartmanier : „Hinsetzen !“.

Dazu trägt er ein Schild vor sich her, auf dem der Befehl weiss auf rot nochmals geschrieben steht, und mit einem Piktogramm verdeutlicht wird.

Wo sind wir hingekommen ?

Wir sitzen zwar etwa an der Stelle, wo wir auch sonst immer standen, aber um uns herum nur fremde Gesichter. Die regelmäßigen Stadionbekannten, mit denen man sich gefreut hat, mit denen man geschimpft hat, mit denen man gelitten hat, die sind nicht da. So wie die Ultras. Es ist kaum Stimmung. Das Spiel endete 3:0 für den SSV.

Auf dieses „neue“ Stadionerlebnis kann ich gut verzichten..