Nach der Tat von Idar-Oberstein: #QuerdenkerSindTerroristen – willkommen in der nächsten Eskalationsstufe!

von Tom J. Wellbrock

Um eines vorwegzunehmen: Der Mord in Idar-Oberstein ist durch nichts zu entschuldigen. Dennoch sollte man einen Blick auf die Reaktionen werfen.

Was mag im Kopf des Täters vorgegangen sein, als er sich entschloss, dem Kassierer der Tankstelle, bei der er sein Bier kaufen wollte, direkt in den Kopf zu schießen? Selbstverständlich ist das eine rhetorische Frage, denn niemand von uns kann das beurteilen. Er soll gesagt haben, er habe „keinen anderen Ausweg gesehen“, ein Zeichen habe er setzen wollen.

An dieser Stelle wird die Ferndiagnose bereits beendet. Sie steht mir nicht zu, sowie sie mir nicht zusteht, wenn es um andere, vergleichbare Taten geht. Die Täter haben sich von der uns in der Regel innewohnenden Moral abgewendet, sind offenbar nicht mehr in der Lage, eine Einschätzung dessen vorzunehmen, was sie da tun. Auch das ist keine Diagnose, nur eine Beobachtung. Menschen, die anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht in den Kopf schießen, haben ein Problem.

Jetzt, da ich hier sitze und diesen Text schreibe, frage ich mich, ob man mir schon an dieser Stelle einen Vorwurf machen kann. Eigentlich nicht, denke ich. Wer will mir vorwerfen, dass ich dem Täter von Idar-Oberstein unterstelle, ein ernsthaftes psychisches Problem zu haben? Es ist doch offensichtlich.
Oder?
Das mögen die Leser beurteilen.

Grenzenlose Wut

Es dauerte nicht lange, bis auf Twitter der Hashtag #QuerdenkerSindTerroristen auftauchte. Als ich ihn das erste Mal las, wusste ich nichts von den Hintergründen, ich erschrak nur über diese Wortwahl. Waren doch „Querdenker“ bisher „nur“ Schwurbler, Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner, ist die Bezeichnung „Terroristen“ nochmals eine andere Stufe. Dann erfuhr ich, woher der Hashtag kam.

Im ersten Moment ratterten eher pragmatische Gedanken durch meinen Kopf: Querdenker sind doch keine Partei, kein Verein, mit Mitgliederlisten und Anschriften. Sie haben auch kein Programm, aus dem sich schließen ließe, dass es eine gute und zielführende Idee sei, anderen Menschen den Kopf wegzuschießen. Meines Wissens sagte der Täter auch nicht, er sei ein Querdenker, weder vor noch nach der Tat. Trotzdem wurde er so eingeordnet.

Das lässt nur einen Schluss zu: In der allgemeinen dieser Idee folgenden Wahrnehmung ist jeder Mensch ein Querdenker, der mit den Corona-Maßnahmen nicht einverstanden ist. Und da der Mann auf der Tankstelle

auf der Tankstelle den Kassierer in den Kopf geschossen hat, weil er „keinen anderen Ausweg“ mehr sah und damit seine Tat begründete, müssen alle anderen Kritiker der Maßnahmen ebenfalls potenzielle Mörder bzw. Terroristen sein.

Ich hoffe, beim Lesen dieses letzten Absatzes wird klar, wie absurd die Herleitung ist. Aber die Gedanken sind längst weiter, sie haben die „Querdenker“ (wer auch immer das konkret sein möge) als neues terroristisches Feindbild eingestuft:

Ein „geschlossenes, hasserfülltes, gesellschaftsfeindliches Menschenbild“ also. Ja, so kann man Terror definieren, auf eine Art. Aber Menschen kollektiv so zu bezeichnen, das ist eine neue Stufe der Eskalation.

Wenn wir davon ausgehen, dass in Berlin 200.000 Menschen für die Grundrechte demonstriert haben, und wenn wir annehmen, dass sie alle als Querdenker bezeichnet wurden, und wenn wir weiter unterstellen, dass sie alle terroristische Hintergründe haben, dann würde aus dem Tweet ein nachvollziehbares Bild entstehen.

Abgesehen von den Beileidsbekundungen der Politiker in Richtung des Opfers fehlt aber noch etwas anderes: Die Deeskalation der politischen Verantwortungsträger. Wer so etwas wie ein demokratisches Grundverständnis in sich trägt, muss alarmiert sein, wenn eine nicht zu unterschätzende Gruppe von Menschen nach dem Mord eines Einzeltäters kollektiv als Terroristen gebrandmarkt wird.

Man verhöhnt keineswegs das Opfer, wenn man dafür eintritt, dass nach dieser Tat eine weitere, aus einer anderen Richtung kommende Eskalation zurückgefahren wird. Und selbst, wenn man sich damit nicht nur Freunde macht, so ist es doch unverzichtbar und eine politische Pflicht, zur Deeskalation beizutragen. Man könnte etwa sagen:

Der Täter muss bestraft werden, er wird bestraft, mit aller Härte des Gesetzes. Aber das ist kein Grund, einen nicht gerade kleinen Teil der Bevölkerung als Terroristen zu bezeichnen. Es geht hier um Menschen, die Angst haben, und die sich gegen etwas wehren, das sie als ungerecht empfinden. Wir müssen diese Ansicht nicht teilen, wir teilen sie nicht, in keinem Punkt. Aber es ist das demokratische Recht dieser Menschen, auf die Straße zu gehen. Wir stellen uns mit aller Kraft dem Vorwurf entgegen, dass es so etwas wie eine feste Gruppe namens „Querdenker“ gäbe, und wir akzeptieren keinesfalls, dass diese Menschen als Terroristen verunglimpft werden.

Aber das kann doch niemand bei Verstand wirklich tun.
Oder?

Nahezu keine Reaktionen

Wie gesagt: Die Tat von Idar-Oberstein ist durch nichts zu entschuldigen, es gibt keine Rechtfertigung dafür. Aber bin ich deshalb ein Terrorist? Oder meine Freunde, die ebenfalls kritisch gegenüber der Regierungspolitik aufgestellt sind? Will man das wirklich behaupten? Ich kann mir das nicht vorstellen, auch wenn ich weiß, dass es der mit Abstand einfachste Weg ist, um ein schnell zusammengezimmertes Weltbild zu etablieren und eine Menschengruppe geschlossen in einen Sack aus Tätern zu stecken.

Doch etwas anderes trägt ebenfalls dazu bei, dass der Hashtag #QuerdenkerSindTerroristen“ so gefährlich und eine weitere Stufe der Eskalation ist: die nahezu vollständig ausbleibenden Reaktionen der Politik.

Nicht auf die Tat, auf solche Taten folgen immer Reaktionen, man ist immer in Gedanken bei den Familien der Opfer, kann nicht fassen, wie so etwas passieren konnte und will herausfinden, woher der Täter die Waffe hatte. Politik ist so, muss vielleicht so sein, es wird Anteilnahme erwartet. So wie bei Flutopfern. Umso dümmer, wenn man dann scheinbar nicht sichtbar irgendwo steht und sich köstlich über einen Witz amüsiert, obwohl man doch betroffen dreinschauen müsste. Man könnte es zynisch aber auch als unbeabsichtigte ehrliche Geste bezeichnen, weil wir doch letztlich alle wissen, dass die Flutopfer oder Mordopfer oder Vergewaltigungsopfer keinem Politiker wirklich nahe ans Herz gehen.

Übrigens auch nicht die Opfer in Gestalt der Kinder, die noch immer gequält werden, obwohl die Fakten längst zutage gefördert haben, dass diese Form der Misshandlung völlig unnötig ist. Mitgefühl nehme ich unter anderem in Anbetracht dieser Tatsache keinem Politiker mehr ab, egal ob er in die Kamera lacht oder vor ihr in Tränen ausbricht.

Es sollte eine Wesensart von Demokraten sein, auch ein wenig Diplomatie zu beherrschen, noch wichtiger aber wäre der Anspruch an sich selbst, die Gesellschaft nicht zu spalten, gegeneinander aufzuhetzen oder auch nur schweigend dabei zuzusehen. Nach einer Tat wie dieser wäre das Zusammenführen der Menschen wichtiger denn je, um einer Zuspitzung entgegenzutreten.

Wie konnte er das nur tun?

Wie schon eingangs beschrieben, soll hier keine Diagnose erfolgen. Es wäre übergriffig und zudem dilettantisch, die Prozesse, die im Kopf des Täters abgelaufen sind, erklären zu wollen. Dennoch sollte der Mord zum Anlass genommen werden, eine Analyse zu erarbeiten:

• Hätte der Mann den tödlichen Schuss auch abgefeuert, wenn er nicht seit anderthalb Jahren der Corona-Politik ausgesetzt gewesen wäre?
• Hätte die Tat verhindert werden können? Und wenn ja, wie genau?
• Wie viele andere ähnliche Taten hat es bereits gegeben?
• Wie verhält es sich mit der Zunahme von Gewalt gesamtgesellschaftlich seit Ausbruch der Krise?
• Kann es Wege geben, die Gewaltbereitschaft dort, wo sie zugenommen hat (etwa in Familien), durch Maßnahmen zu beenden, die Druck von den Menschen nehmen, statt weiteren aufzubauen?

Es wäre zu einfach, jetzt die Verantwortung gänzlich auf die Politik zu schieben (dazu ist zu wenig über die Hintergründe bekannt). Aber es muss klar sein, dass die Corona-Politik Konsequenzen hat. Und selbst, wenn man behaupten kann (freilich, ohne es beweisen zu können), dass der Mann auch ohne Corona-Maßnahmen diesen oder einen anderen Mord begangen hätte, wäre eine vernünftige Reaktion gewesen, sich Fragen zu stellen. Fragen, die die Folgen der Corona-Politik in den Fokus nehmen.

Dazu wird es nicht kommen. Und es steht zu befürchten, dass auch eine Deeskalation unwahrscheinlicher ist als eine weitere Eskalation, unter den Augen der Politik.

Denn wir erleben seit anderthalb Jahren keine Solidarität, das Leben steht in krassem Kontrast zu den Lippenbekenntnissen der Politik, die uns ständig und unaufrichtig auffordert, jetzt zusammen zu halten. Die Spaltung – angetrieben von Politik und Medien – schreitet voran, und es ist nicht abzusehen, dass sich daran etwas ändert.

Auch nicht nach der schrecklichen Tat von Idar-Oberstein.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung aus dem Online-Magazin Neulandrebellen. Hier der link zum Original:

Anmerkung: Gastbeiträge geben wie immer nur die Meinung des Gastautors wieder

Über eine Verdachtsberichterstattung , der Linke und Liberale sonst immer widersprochen haben…

Und hier der weitere interessante Beitrag zum Thema aus dem Magazin telepolis : Haben die „Querdenker“ mitgeschossen ? von Harald Neuber , in dessen Unterzeile es heißt: Über eine Verdachtsberichterstattung, der Linke und Liberale sonst immer widersprochen haben